„Sing! The Music was Given“ endete mit grenzenlosem Jubel. Das Ensemble mit 250 Musikern von dies- und jenseits der Grenze bot Tempo und Dynamik, Stilelemente von Jazz und Pop, pulsierende Rhythmen und einen Vorrang der Bläser vor den Streichern.

Von Gerhard Herrenbrück

Nordhorn. Ein Hymnus auf die Musik war die Europapremiere der neuen Komposition von Karl Jenkins am Freitagabend vor einem begeisterten Publikum im sehr gut besetzten Nordhorner Euregium – 14 Tage nach der Weltpremiere in der New Yorker Carnegie Hall. Vor etwa 1500 Besuchern wirkten unter der Leitung von Armanda ten Brink 250 Musiker mit: Das 70-köpfige „Orkest van het Oosten“ aus Enschede und ein großer Projektchor mit Sängern von diesseits und jenseits der Grenze. Solistin des Abends war die Mezzosopranistin Eline Harbers.

„Sing! The Music was Given“ – Dieser Zuruf eines alten irischen Gedichts wird dem Komponisten zum Thema und zur Botschaft seiner neuen Komposition: Singe, Musik ist dir geschenkt! Ein Lobpreis des Singens, der wahren Stimme des Menschen. In acht Teilen breitet Jenkins diesen Lobpreis musikalisch aus, in der Vertonung von acht verschiedenen Texten, die alle schon in ihrem Titel das Leitwort Musik enthalten. Sie stammen aus der ganzen Welt: von einem japanischen Haiku-Meister, von einem amerikanischen Lyriker, aus der Feder seiner eigenen Frau, aus dem Alten Testament und aus der Tradition der afrikanischen Zulu-Sprache. Weltmusik!

Jenkins’ Orchestrierung und das musikalische Arrangement seiner Kompositionen folgen in seinen bislang bekannten Werken einem inzwischen berühmten und erfolgreichen Stil: Sehr großen Klangkörpern stehen solistische Stimmen gegenüber. So auch am Freitagabend. Und der Wechsel zwischen einem Sinfonieorchester und einem 180-köpfigen Chor auf der einen Seite und im Gegenüber dazu das Solo eines Mezzosoprans oder eines Instrumentalsolisten ergeben einen einfachen, aber kontrastreichen und wirkungsvollen musikalischen Aufbau. Der Sologesang vor dem Hintergrund von Klangflächen, das Clustering kleiner und eingängiger Motive und die fließende Bewegung innerhalb eines überschaubaren Tonumfangs schaffen erhabene Klangräume, die auf Entgrenzung zielen: Erfahrbar vor der Pause im berühmten „Benedictus“ von Jenkins, das zusammen mit anderen Chorwerken in einem Vorprogramm erklingt.

Von diesem Stil weicht auch die neue 45-minütige Komposition nicht völlig ab, die nach der Pause zu hören ist. Doch vieles ist darin anders: Ein ganz anderer Klang bestimmt gleich die erste Nummer „Sing- sing-Music was given“ die, traditionell gesprochen, dem Werk wie eine Opern-Ouvertüre vorangestellt ist, in der sich vieles schon andeutet, was das Ganze ausmacht: Tempo und Dynamik, Stilelemente von Jazz und Pop, pulsierende Rhythmen, ein Vorrang der Bläser vor den Streichern mit einem Klangbild, das an Kurt Weil erinnert.

Und in dieser Vielfalt geht es weiter. Klänge aus der ganzen Welt werden zum Lob der Musik zusammengeführt: Aus den japanischen Haiku-Wörtern und Silben steigt vor dem im Orchester tonmalerisch zu hörenden Wasserfall die typische Harmonie asiatischer Ton-Intervalle auf. Und die Leitwörter „Sing“ und „Music“ finden ihren Widerhall auch in der Zulu-Sprache: „ukukula“ und „umculo“.

Ihr natürlicher Takt führt den Chor bis an einen Tribal-Style heran, der so in die Glieder geht, dass man ihn später noch auf dem Parkplatz von den Besuchern auf dem Nachhauseweg hört (und sieht!).

Und zur Weltmusik gehören auch Lied und große Arie: Eline Harbers, die noch vor der Pause bei Mozarts „Laudate Dominum“ in der Intonation fast indisponiert wirkt, tritt jetzt strahlend in den Mittelpunkt mit einem kraftvollen, hochmusikalischen Gesang ihrer vielen Solopartien. „Sing!“ Schöner als sie kann man diesem Zuruf nicht folgen.

Auch der Chor macht seine Sache nach der Pause gut, obwohl ihm viel abverlangt wird. Die Tenorpartie bei der dritten Nummer „Music Matters!“ hat es in sich, gelingt aber bestens, ebenso wie die Balance zwischen Männer- und Frauenstimmen. Das war vor der Pause noch nicht ganz so. Eindrucksvoll zum Auftakt der elfköpfige Favoritchor „TWEN“ in seinem feinen A-Capella-Gesang. Der große Projektchor aber, bedingt wohl auch durch die technische Verstärkung, wirkte noch zu massiv. Insofern war es eine kluge Entscheidung der Dirigentin, der neuen Jenkins-Komposition ein Vorprogramm voranzustellen, dessen berühmte Chorpartien das Publikum erfreuten und das den Chorsängern die Freiheit zur Feinabstimmung und zur vollkommenen Gelöstheit der Stimmwerkzeuge bot.

Das „Orkest van het Oosten“ war das Rückgrat des Konzerts – auch in seinem stets aufmerksamen Blick auf die Dirigentin, der nichts entging. Der Reichtum der musikalischen Möglichkeiten eines Profi- Orchesters war genau das Richtige für die Vielfalt der Stile und Klänge in Jenkins neuem Werk. „Die Musik ist ein Geschenk Gottes“, so ließe sich die Inspiration von Sir Karl für sein neues Werk und auch die Botschaft dieses Abends frei übersetzen.

Und man muss fortsetzen: Armanda ten Brink ist ein Geschenk für die Grafschaft Bentheim. „Eine Blume!“ meinte der Bundestagsabgeordnete Albert Stegemann aus Ringe, der Schirmherr der Europapremiere in seinem Grußwort. Schier grenzenloser Jubel am Schluss!